Wilhelm Furtwängler - Werke Anmerkungen
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Wilhelm Furtwängler - Gedanken zu seinen Kompositionen
Hier finden Sie einige Informationen und subjektive Einlassungen zu den kompositorischen Hauptwerken Wilhelm Furtwänglers. Beim Verlag Erler&Ries erscheinen sukzessive alle Werke des Komponisten als Partitur bzw Notensätze in einer kritischen Ausgabe, der WFGA (Wilhelm Furtwängler Gesamtausgabe).
Ouvertüre Es-Dur op.3 (1899)
(kritische Neuedition, Wilhelm Furtwängler Gesamtausgabe Band I.IV, Herausgeber George Alexander Albrecht)
Die Ouvertüre op.3 ist das Werk eines 13jährigen. Das sollte man sich beim Hören durchaus vor Augen führen. Die Stimmung hat ein Schumanneskes Flair und ist klassisch gestaltet. Solch eine klar erkennbare Themengestaltung hat Furtwängler in seinen Mannesjahren nicht mehr verwendet - nicht aus Mangel an Einfällen (Themen und Mottos gibt es bei Furtwängler immer in Fülle), sondern weil sein Ansatz des Komponierens sich gewandelt hat.
Sinfonie D-dur (Kopfsatz) (1902-03, Florenz + Tanneck, UA Breslau)
(kritische Neuedition, Wilhelm Furtwängler Gesamtausgabe Band I.IV, Herausgeber George Alexander Albrecht)
Die Erfindung des 18-19jährigen, im Wesen und Anlage einer klassisch romantischen Sinfonie.
Largo h-moll (1906-08, vielleicht schon früher entstanden. Vorstufe zum Kopfsatz der Sinfonie h-moll)
(kritische Neuedition, Wilhelm Furtwängler Gesamtausgabe Band I.IV, Herausgeber George Alexander Albrecht)
Dieser Satz des 22 bis 23 jährigen Furtwängler diente dem Komponisten als Vorlage für den Kopfsatz seiner h-moll Sinfonie, welche allgemein als erste Sinfonie bezeichnet wird. Genauer gesagt: Dieser Satz hat Furtwängler 25 Jahre lang beschäftigt, bis er dann seine endgültige Form in der Sinfonie gefunden hat. Und dieses "endgültig" ist auch nicht richtig - "letzte Form" wäre richtiger, denn Furtwängler hat nach einer ersten Probe im Jahre 1943 die Sinfonie zurückgezogen (wofür genau Gründe nicht bekannt sind: Lag es an der Probe selbst, an Problemen der Umsetzung durch das Orchester oder an an Punkten, die der Komponist letztlich doch als Mangel am Werk bewertet hat. Möglicherweise hätte Furtwängler bei einem längeren Leben das Werk nochmals aus der Schublade geholt und überarbeitet, wie er es immer wieder mit eigenen Werken gemacht hat. Aber dazu fehlte ihm wegen seines Schaffensschubs in der vierziger und fünfziger Jahren wohl schlicht die Kraft und Zeit, denn die Komposition der 2ten und 3ten Sinfonie und die Überarbeitung des Sinfonischen Konzerts hat wohl seine ganze Energie (neben den Konzertverpflichtungen) in Anspruch genommen.
Sinfonie h-moll (1910er Jahre bis 1941, später Überarbeitungen. Testprobe 1943, danach hat Furtwängler das Werk zurückgezogen)
(kritische Neuedition von 2002, Wilhelm Furtwängler Gesamtausgabe Band I.I, Herausgeber George Alexander Albrecht)
Erst durch die kritische Edition George Alexander Albrechts ist die äußerst umfangreiche Sinfonie, die Furtwänglers Erste genannt wird, in seiner Qualität und Bedeutung erkenntlich geworden. Die erste Schallpattenaufnahme von Alfred Walter war zwar eine lobenswerte und wichtige Pioniertat, aber durch die starken Kürzungen erscheint das Werk stellenweise nicht stringent bzw unverständlich. Die etwas schlampige Produktion und das durch die extrem komplexe Tektur der Partitur leicht überforderte Orchester mag zu diesem Eindruck beitragen. Erst die viele Jahre später folgenden Einspielungen durch den Dirgienten George Alexander Albrecht (der auch die kritische Ausgabe erstellte) und durch Fawzi Haimor wurden dem Werk gerecht.
Sinfonie e-moll (1944-45, später zeilweise graviernde Revisionen, besonders im Finale. Druck Brucknerverlag 1952)
(kritische Neuedition von 2005, Wilhelm Furtwängler Gesamtausgabe Band I.II, Herausgeber George Alexander Albrecht)
Abweichungen im Finale - deutlich hörbar in zwei Aufnahmen:
- Wilhelm Furtwänger / Philharmonisches Orchester Hamburg (Manuskript-Version 1945) (abweichende Fassung des Finale).
- Alfred Walter / BBC Symphony Orchestra (1992) (abweichende Fassung des Finale, alternativer Schluss).
Die e-moll Sinfonie ist das bekannteste sinfonische Werk Furtwänglers. Das mag damit zusammenhängen, dass der Komponist seine Sinfonie öfters in seinen letzten Jahren (1948 bis 1954) von seinem Tod aufgeführt hat. Beachtliche fünf Aufnahmen existieren unter Furtwänglers Dirigat mit jeweils einem anderen Orchester. Vier Live-Mitschnitte (Hamburg, Frankfurt, Wien, Stuttgart) und eine offizielle Studio Schallplatten-Produktion der Deutschen Grammophon Gesellschaft (Berlin). Außer diesen fünf Aufnahmen existieren von Furtwänglers Kompositionen unter seiner eigenen Leitung nur noch ein Mitschnitt des Symphonischen Konzerts und eine Electrola Aufnahme des langsamen Satzes aus eben diesem quasi Klavierkonzert.
Die zwei Sinfonie e-moll erfuhr durch den Komponisten mehrere Überarbeitungen. Die meisten vorhandenen Aufnahmen (einige Studioaufnahmen, einige Livemitschnitte) entsprechen mehr oder weniger der Druckfassung (bei Ries&Erler in einer neuen kritischen Ausgabe von George Alexander Albrecht erhältlich) - so bei den vier späteren mit Furtwängler selbst, mit Jochum, Akanashi, Barenboim und Albrecht. Zwei Aufnahmen weichen deutlich ab: Die erste mit Furtwängler von 1948 aus Hamburg (Manuskriptversion mit deutlich abweichendem Finale) und die Aufnahme mit Alfred Walter mit einem alternativen Schluss im Finale.
So sind es doch mindestens 10 Aufnahmen des sinfonischen Werks, mit dem der Komponist Furtwängler am meisten zufrieden war. Und das ist auch verständlich: die Dritte war noch im Entstehen und die Erste war ein "Schmerzenskind", dass Furtwängler nach einer Test-Probe von 1943 quasi in einen nochmaligen Überarbeitungsstatus zurückgenommen hat. Wenn man das Werk gut kennt und mit der Zweiten vergleicht ist Furtwänglers Unzufriedenheit verständlich. Die Erste erreicht noch nicht ganz die wunderbare melodische Einprägsamkeit und strukturelle bzw formale Klarheit wie die nachfolgende Sinfonie, ist aber ohne den direkten Vergleich mit der Zweiten dennoch ein wunderbares Werk.
Die e-moll Sinfonie, also die Zweite, ist tatsächlich das vollgültigste Werk des Komponisten. Die Erste hat er bis zum Schluss nicht in eine für ihn völlig befriedigende Form gebracht und die Dritte ist zwar anscheinend "zuende" komponiert, aber sicherlich nicht "fertig". Wie Mahler mit seinem Lied von der Erde und der Neunten hat der Komponist das Werk nie physisch von einem Orchester gehört und auch keine Zeit mehr für eine Überarbeitung gehabt. Wenn man sieht, wie viel Furtwängler nachträglich an der h-moll Sinfonie und der e-moll Sinfonie verfeinert, umgebaut, z.T. neu komponiert hat, dann kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass er mit der cis-moll Sinfonie genauso verfahren wäre. Und nebenbei sei angemerkt, dass angesichts der immer noch heißen Diskussionen um die Bruckner 9te (ob das Finale-Fragment etwas taugt) die ersten drei Sätze auch nicht endgültig revidiert sind und auch Mahlers Lied von der Erde und dessen 9te im Sinne der Vorstellung des Komponisten sicherlich nicht "fertig" sind ...
Die äußeren und inneren Ausmaße der e-moll Sinfonie sind wie beim späten Bruckner immens und signifikant. Das Wort kolossal oder gigantisch verwende ich bewusst nicht - dazu an anderer Stelle mehr. Die Dimensionen erscheinen wie in Bruckners 8ter und 9ter Sinfonie und haben - abgesehen von bestimmten kompositorischen Aspekten - dennoch kaum etwas mit dem von Furtwängler so sehr verehrten Meister zu tun. Sicherlich fühlte er sich auch in dessen Tradition und liebte ebenso das Visionäre, aber von der Struktur, der Melodik und der Entwicklung der Musik her ist - wenn schon Vorbilder herangezogen werden sollen - ebenso an Brahms zu denken. Die Tonart e-moll verweist direkt auf die letzte Brahms Sinfonie und tatsächlich kann man im Melos, dem Fluss, der organischen Entwicklung der Themen und der großteils herbstlichen Stimmung der Musik Parallelen erkennen. Die nicht so sehr Brahmsischen, eher verbissenen oder manischen Momente verweisen m.E. eher auf Beethoven als Bruckner - und warum auch nicht: Sowohl Bruckner als auch Furtwängler haben sich Beethoven als Vorbild genommen und sich als sein Nachfolger gesehen - Bruckner sogar als DER Erbe von Beethovens Sinfonik. Und tatsächlich kann man in Furtwänglers e-moll Sinfonie streng klassische Züge a la Beethoven entdecken ...
... so "klassisch" wie Beethoven war - oder eben auch nicht: denn wer dessen "Eroica"-Kopfsatz zum ersten mal hört wird sich ähnlich wie beim Kopfsatz der e-moll Sinfonie Furtwänglers in einem (Ur)Wald verlaufen wähnen. Erst mehrmaliges Hören klärt den akustischen "Blick" und schärft das Gefühl für die Struktur. Und ab da ist der Kopfsatz der Furtwängler 2ten sogar leichter zu verstehen als der der "Erioca". Denn die Musikwissenschaft mag es sich einfach machen und möchte ein "Ergebnis" der Analyse sehen: Ich persönlich komme nach mehr als 50 Jahren immer wieder intensiver Beschäftigung mit grade diesem Satz der "Eroica" mehr und mehr zu dem Ergebnis, dass es Beethoven daran gelegen war, ab der Durchführung in der Gestalt des Höreindrucks gar keine echte strukturelle Reprise mehr entstehen lassen zu wollen. Natürlich gibt es die thematischen Erinnerungen der Exposition - aber die stecken ja naturgemäß auch schon in der nicht enden wollenden Durchführung und Weiterverarbeitung bis zu einer langen Koda - bei der man auch nicht weiß, wo diese genau beginnt und was dazu gehört.
Zurück zur Furtwängler 2ten: Dort ist die Teilung in Exposition, Durchführung, Reprise und Coda trotzt den vielen Themenkomplexe und zeitlichen Ausmaße klar in Blöcke geteilt erkennbar - durchaus eine Ähnlichkeit mit Bruckners Umgang mit Strukturen im Kopfsatz von Sinfonien. Die e-moll Sinfonie ist eindeutig eine Finalsinfonie - ähnlich in der Signifikanz wie Bruckners 4te, 5te oder 8te oder Mahlers 1te, 2te oder 6te - oder Stenhammars großartiger 2te, Atterbergs abgründigen 5te oder Karl Schiskes 2te, in der Schiske im Finale Sonatenform, Doppelfuge und Scherzo zu einem formt.
In Furtwänglers 2ten haben der Kopfsatz und besonders das Finale den größten zeitlichen Umfang und sind sich in mehrerer Hinsicht ähnlich. Die beiden Binnensätze (ein zart lyrisch verträumes und sehnsüchtiges Andante mit einem goßen visonären Höhepunkt und ein wild hektisches Scherzo mit einem zauberhaft entrückten und traurig verlorenem Trio) bringen völlig andere und vielfältige Ideen und Stimmungen.
Sinfonie cis-moll (-1954)
(kritische Neuedition von 2003, Wilhelm Furtwängler Gesamtausgabe Band I.III, Herausgeber George Alexander Albrecht)
Die cis-moll Sinfonie, als Dritte gezählt, ist das letzte Werk Furwänglers, an dem er bis zu seinem Tode arbeitete. Jahrzehnte wurde das Werk in der Form der ersten drei Sätze aufgeführt,
da man den letzten Satz (der wohl auf dem Klavier stand) für eine weit fortgeschrittene Skizze hielt. Allerdings stellte sich dann doch heraus, dass auch das Finale fertiggestellt war. Alfred Walter nahm 1987 eine erste Schallplattenaufnahme auf, welche diese Sinfonie viersätzig vorstellte. Es wurde im Jahr 2001 dann auch in dieser Gestalt in der großartigen Wilhelm Furtwängler Gesamtausgabe (Herausgeber George Alexander Albrecht) als Band I.III veröffentlicht - allerdings hier sorgfältig redigiert. Allerdings kann man davon ausgehen, dass Furtwängler nach Aufführungen des Werks (zu denen es natürlich zu dessen Lebzeiten nicht mehr kam) sicherlich manches im Detail oder auch größeren Umfang umgearbeitet hätte.
Te Deum (1905-1909, 1910)
(kritische Neuedition, Wilhelm Furtwängler Gesamtausgabe Band II.I, Herausgeber George Alexander Albrecht)
Ein frühes und sehr überzeugendes Werk. Diese Aussage könnte man fast als Widerspruch sehen, denn Furtwängler hat sehr früh zu komponieren begonnen, war - zumindest meines Erachtens - aber kein Wunderkind à la Mozart, Schubert oder Mendelssohn. Er mussste sich ebenso wie Bruckner seine Kompositionswelt erarbeiten und hat dazu ebenso wie dieser von ihm bewunderte Komponist Zeit benötigt. Trotz eines gewissen Faszinosums für den quasi Schumannesken Ton, in den sich Furtwängler hineinfühlt hat, war er bezüglich seiner persönlichen Eigenart in Inhalt, Gestalt der Themen und Instrumentierung noch auf der Suche.
Das gut halbstündige Te Deum für vier Gesangsolisten, Chor und großes Orchester ist - zusammen mit wohl parallel dazu entstandenem Adagio h-moll - schon echter Furtwängler. Besonders das Te Deum ist im Vergleich zu dem Adagio h-moll formal recht geschlossen, was an dem strukturierten Inhalt des geistlichen Werks liegen mag. Gegenüber dem flammend visionär himmelsstürmerischen Te Deum Bruckners hören wir bei Furtwängler ein sehr lyrisches Werk in mehreren solistischen und chorischen Abschnitten.
Sinfonisches Konzert für Klavier und Orchester h-moll (1924-37, revidiert 1954, UA 1937)
(kritische Neuedition von 2004, Wilhelm Furtwängler Gesamtausgabe Band I.IV, Herausgeber George Alexander Albrecht)
Auszug für 2 Klaviere (1954, Brucknerverlag Wiesbaden)
Wilhelm Furtwänglers quasi Klavierkonzert (der originale Titel trifft den formalen und solistisch-orchestral gewichteten Inhalt des merh als einstündigen Werks perfekt) hat in diesem Umfang ein paar Vorbilder: das fünfsätzige Busoni Klavierkonzert von 1904 hat zwar einen noch größeren Umfang, ist aber ganz anders geartet. Das Reger f-moll Klavierkonzert von 1910 zeigt besonders im langsamen Satz ebenso wie Brahms erstes d-moll Klavierkonzert eine erstaunliche Stimmungsnähe: Meditativ, entsagend, äußerst ruhig und zart. Auch der erste Satz hat wie bei Brahms und Reger große seelische Wucht, die durchaus das große Orchester nützt.
Klavierquintett C-Dur (1935)
(kritische Neuedition von 2002, Wilhelm Furtwängler Gesamtausgabe Band III.I, Herausgeber George Alexander Albrecht)
So etwas hat es bis dahin in der Kammermusik noch nicht gegeben: Ein Klavierquintett mit 80 Minuten Spieldauer! Allein der Kopfsatz des dreisätzigen Werks hat eine Aufführungsdauer von 30 Minuten, was einer ausgewachsenen klassischen Sinfonie entspricht.
Violinsonate d-moll (1935)
Die Herausforderungen an die beiden Interpreten sind immens bei diesem kolossalen Kammermusikwerk: Kondition, Intonationssicherheit (Violine), Balance (Violine zu Klavier - und der Klaviersatz IN sich), Das Zusammenspiel, wer führt, zieht oder bremst (was ist wirklich Begleitwerk, was Struktur), der Überblick, der lange Atem für das Musikalische usw. usw.
Violinsonate D-Dur (1939)
(1941, Ed.Bote & G.Bock, Berlin)
Die zweite dreisätzige Violinsonate ist Furtwänglers klassischstes und insgesamt heiterstes Werk seiner reifen Schaffensphase, welche sieben Werke umfasst: Drei Sinfonien, das Sinfonische Konzert, das Klavierquintett und eben die beiden Violinsonaten.
Anmerkungen zu ausgewählten Aufnahmen und Konzertmitschnitten
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